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5.3.2026 News Wildere Natur

Von Schilf zu Schilf

Schilf gehört zu Vorpommern wie Wind und weiter Himmel. Es rauscht am Bodden, steht dicht am Ufer, knistert im Herbst. Aber: Schilf ist nicht einfach Schilf. Wer genauer hinschaut, merkt schnell:jede Fläche erzählt ihre eigene Geschichte. 

Im Vorhaben „Wild & Wichtig: Schilf!“ schauen wir ganz genau hin. Wir gehen raus, kartieren, vergleichen alte Luftbilder mit dem, was heute wächst. Wir prüfen, wo das Wasser hochsteht, wo es trockenfällt, wo gemäht wird und wo nicht. Und wir zählen sogar Laufkäfer. Die kleinen Krabbler zeigen uns ziemlich genau, wie es einem Schilfbestand wirklich geht. 

Was Schilf hier leistet 

Schilf hält was aus. Es steht im Wasser, biegt sich im Sturm und kommt wieder hoch. Unter der Erde speichert es Kohlenstoff in seinen Wurzeln. Über der Erde bremst es Wellen und schützt das Ufer vor Abbruch. Und zwischen den Halmen brüten Vögel, ziehen sich Tiere zurück, hält sich Beute für den Seeadler auf. 

Ein dichter Schilfgürtel prägt die Landschaft. Er ist aber vor allem auch Schutzwall, Kinderstube und Vorratskammer zugleich. 

Natur macht keine Gleichförmigkeit 

Mal steht das Wasser hoch, mal fällt es. Stürme drücken Wellen ins Land. Treibgut bleibt hängen. Rehe und Wildschweine ziehen ihre Wege durchs Röhricht. Biber ziehen hindurch, Menschen angeln, baden oder fahren Boot. 

All das hinterlässt Spuren. Deshalb sehen Schilfflächen unterschiedlich aus: Manche sind hoch und dicht wie eine grüne Wand. Andere sind lichter, mit Seggen und blühenden Pflanzen dazwischen. Am Deich, wo regelmäßig gepflegt wird, mischen sich noch mehr Arten dazu. Dort ist das Schilf manchmal nur noch Zaungast. 

Zwischen Wasser und Land 

Direkt am Wasser, dort wo die Fläche regelmäßig überspült wird, steht das Schilf oft dicht an dicht. Eine Art, ein Bild: hoch, kräftig, fast wie eine grüne Mauer. Andere Pflanzen haben hier kaum eine Chance. 

Geht man ein paar Schritte landeinwärts, verändert sich das Bild. Die Standortbedingungen sind ganz anders. Und plötzlich mischen sich andere Pflanzen dazu: Seggen, Hochstauden, konkurrieren mit dem Schilf. Das Ganze wird bunter und vielfältiger 

Wie ein Schilfbestand aussieht, hängt davon ab, wie hoch das Wasser steht, was dort passiert und wie stark der Mensch eingreift. 

Wer mit offenen Augen durchgeht, erkennt die Übergänge. Und genau diese Übergänge sind oft sehr  spannende Orte. Wir bemerken wie sehr die Schilfbestände vom Zusammenspiel aus Wasserstand, Störungen und Nutzung abhängig sind. 

Mähen mit Maß 

In Vorpommern hat Schilf Tradition. Reetdächer prägen ganze Dörfer.  Reet (geerntetes Schilfrohr) wird als Baustoff verwendet, insbesondere für die Dachdeckung, und besitzt gerade in Norddeutschland eine große kulturelle Bedeutung. Diese Tradition spiegelt sich auch in der Anerkennung entsprechender Handwerkstechniken als immaterielles Kulturerbe durch die UNESCO wider. Unsere Beobachtungen deuten darauf hin, dass die Halme nach der Wintermahd erstmal niedriger und dünner wachsen. Zwei Jahre später stehen sie wieder kräftig da. Die Pflanzenvielfalt ändert sich dabei kaum.  

Für eine nachhaltige Nutzung kommen vor allem dichte, artenarme Schilfbestände in Frage. Also Flächen, in denen fast nur Schilf steht und keine sensiblen Lebensräume oder artenreichen Übergangsbereiche betroffen sind. Dort kann das geschnittene Material ohne großen zusätzlichen Aufwand geerntet werden. 

Unterschiedliche Halmlängen und -stärken sind dabei kein Problem. Im Bau werden verschiedene Qualitäten gebraucht – je nach Einsatzbereich. 

Naturschutz und nachhaltige Nutzung schließen sich nicht aus, sofern Standortbedingungen, Bestandsstruktur und die Lebensraumansprüche der dort vorkommenden Tierarten in der Bewirtschaftung konsequent berücksichtigt werden. 

Wild und widerstandsfähig 

Schilf wächst an Orten, die viel aushalten müssen: Stürme, hohe Wasserstände, trockene Sommer oder früher mal Eiswinter setzen den Beständen zu. 

Diese wechselhaften Bedingungen machen das Schilf an der Küste besonders. Es kommt mit Hochwasser, Trockenperioden und Salinität (Salzgehalt des Wassers) zurecht, ist anpassungsfähig und robust; aber gleichzeitig empfindlich, wenn sich der Wasserstand dauerhaft ändert oder die Nutzung zu stark wird. 

Gerade deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen und die Flächen an manchen Stellen bewusst zu pflegen und an anderen Stellen ganz der Natur zu überlassen. 

Und jetzt? 

Schilf ist ein Herzstück der Lebenslandschaft Vorpommern und prägt die Küsten sichtbar und spürbar. Es schützt Ufer vor unermüdlichen Wellen. Es speichert Kohlenstoff unter der Erde, was sonst in der Luft landen würde. Und es kann nachhaltig genutzt werden. 

Wenn Sie nahe dem Schilf unterwegs sind, respektieren Sie Brutzeiten und sensible Bereiche. Um Schilf und all seine wertvollen Leistungen zu erhalten, ist es enorm wichtig, die Vielgestaltigkeit der Standorte und Schilfbestände zu berücksichtigen. Wer selbst Reet nutzt oder entsprechende Flächen bewirtschaftet, kann sich bei uns melden: wir freuen uns darauf, von Ihren Erfahrungen zu lernen. 

Mehr zum Vorhaben „Wild & Wichtig: Schilf!“ finden Sie auf der Website der OSTSEESTIFTUNG.

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