Die Landschaftsmacher - Im Gespräch mit Birgit Berge
Frage: Liebe Birgit, wer bist du und was machst du?
Birgit : Ich bin Birgit Berge. Ich arbeite als Bürohilfe im Architekturbüro meines Mannes. Daneben engagiere ich mich zu einem großen Teil ehrenamtlich auf unterschiedlichen Gebieten aber immer im Einsatz für unsere Region.
Ein ganz zentrales Thema ist das Dorfleben. Dazu gehört für mich besonders die Dorfkirche. Ich bin Vorsitzende des Fördervereins zur Erhaltung der Kirche St. Nikolai zu Bauer e.V. Diese Kirche ist in den letzten Jahren zu einem echten Anlaufort geworden – für Gäste und die Menschen hier. Um diese Entwicklung unterstützen zu können, habe ich beim Veranstalter „Kirche und Tourismus“ an einem Kirchenführerseminar teilgenommen. St. Nikolai ist Treffpunkt, ein Ort der Begegnung, des Kulturaustausches und unser historisches Gedächtnis. Deshalb ist mir diese Kirche unglaublich wichtig. Für mich persönlich war die Kirche auch ein Anknüpfungspunkt, um hier anzukommen. Ich komme ursprünglich aus Berlin. Über die Kirchengemeinde habe ich sehr schnell Anschluss gefunden. Das war ein guter Einstieg.
Ich wohne im Herrenhaus Bauer, einem denkmalgeschützten fast zweihundert Jahre alten Gebäude mit ca. 3 Hektar Park- und Wiesenfläche. Wir haben den Freundeskreis Schloss Bauer e.V. gegründet, um Kunst und Kultur zu fördern. „Schloss“, weil hier sowieso alle größeren Häuser so genannt werden.
Seit 2005 habe ich auch aktiv im Netzwerk Lassaner Winkel mitgewirkt. Die Gründungsidee war, kleinen und mittleren Anbietern, vor allem auch Anbieterinnen eine Plattform zu bieten, über die sie ihre Angebote bekannt machen und Geld verdienen können. Wir wollten uns alle besser vernetzen, um hier den sanften Tourismus voranzubringen und den ökologischen Gedanken nicht aus den Augen verlieren. 2014 ergriff ich die Chance, mich auf einer weiteren Ebene einzusetzen, bei der Lokalen Aktionsgruppe LEADER. Heute LAG „Vorpommersche Küste“. Außerdem schlägt mein Herz für den Naturschutz. Daher war ich sehr interessiert an Veranstaltungen zum Thema Natur- und Landschaftsführer/Nature Guide oder an einigen Exkursionen über das Netzwerk Deutsch-Polnischer Zusammenarbeit, z.B. mit einer Kajaktour im Unteren Odertal. 2023 bin ich dem NABU beigetreten, aufgrund eines Ereignisses am Brebowbach. Mit Rewilding Oder Delta stehe ich auch schon etwas länger im Kontakt. Irgendwann überschneiden sich die Interessenkreise, wenn man auf so vielen Treffen, Meetings, Tagungen, Workshops und „Auftakt“- Veranstaltungen ist. So bin ich bei dem Interview zur Lebenslandschaftsmacherin gelandet.
Neben all dem bin ich Mutter. Zwei unserer Söhne sind noch schulpflichtig. Die Tochter studiert. Mobilität auf dem Land ist organisatorisch nicht ohne: ÖPNV oder Elterntaxi? Das wechselt sich mehrmals am Tag ab. So springe ich ständig zwischen Büro, Familie, Ehrenämtern, Haus- & Hofpflege hin und her.
Frage: Und wie heißt der Ort, an dem all das passiert?
Birgit: Der Ort heißt Bauer-Wehrland. Die Ortsteile Bauer und Wehrland werden durch den Brebowbach geteilt. Nördlich liegt Bauer, südlich Wehrland. Was bei einigen Benennungen verwirrt. Die Kirche heißt zum Beispiel St. Nikolai zu Bauer in Wehrland. Auch der Bauerberg befindet sich auf Wehrländer Gebiet. Das hat was mit sehr alten Besitzverhältnissen zu tun.
Der nur 23 m hohe Bauerberg ist für uns eine ganz wichtige Landmarke. Von dort oben sieht man weit in die Landschaft, über Peenestrom und Achterwasser. Um den Bauerberg ist jede Menge los: Seeadler, Kraniche, Gänse, Kormorane, Reiher – ein ständiges Kommen und Wegfliegen. Auch der Biber ist zurück. Man sieht seine Spuren überall. Der Brebowbach heißt übersetzt Biberbach. Dieser Biberbach ist in Sichtweite und liegt auf meiner täglichen Tour in der Sommersaison, wenn ich die Kirche auf- und zuschließe oder Pilger begrüße.
Frage: Und was bedeutet die Region Vorpommern für dich?
Birgit: Vorpommern ist für mich eine zweite Heimat geworden. Ich bin in Berlin geboren und erst in meinen Dreißigern hierhergezogen, habe mich hier aber sofort wohlgefühlt. Vielleicht, weil ich schon immer ein Naturtyp war. Viel Zeit draußen verbringen, wandern, Lauftraining, Wasserwandern mit Ruderbooten – das hat mich geprägt.
Ich habe als Kind zwei Jahre in Finnland gelebt. Dieses skandinavische Naturverständnis hat mich nachhaltig beeinflusst: Natur nicht nur nutzen, sondern ihr Raum lassen. Sie als etwas begreifen, das selbstverständlich zum Leben dazugehört.
Was Vorpommern für mich besonders macht, ist diese Weite. Die Ruhe. Orte, an denen man abschalten und loslassen kann. Das empfinde ich als großen Luxus. Man lebt hier in einer Region, in der andere Urlaub machen.
Frage: Was beschäftigt dich gerade besonders?
Birgit: Mich beschäftigt die Frage, wie man Natur zugänglich machen kann, ohne sie zu überfordern und auch die Nutzer nicht zu überfordern.
Etliche Wanderwege gibt es bereits, aber sie sind nicht immer als solche erkennbar. Gerade Zugezogene oder Gäste sind oft unsicher: Darf ich hier langgehen? Wo genau führt der Weg hin? Wie viele Kilometer sind es bis zum Punkt A oder B? Diese Unsicherheiten möchte ich helfen abzubauen.
Manchmal braucht es nur eine kleine Orientierung. Hinweise, Informationen, klar erkennbare Wege, vielleicht eine Bank. Nicht zu viel – aber genug, damit Menschen sich willkommen fühlen.
Gleichzeitig mache ich mir Gedanken zur regionalen Wirtschaft. Welche Rolle können regionale Wertschöpfungsketten spielen. Woraus können wir ein auskömmliches Einkommen generieren: Gastronomie, Handel, Übernachtungen, Führungen, Kunst und Kultur, Veranstaltungen – davon leben Menschen hier. All das hält unsere Orte lebendig und lebenswert.
Die größte Herausforderung sehe ich im Zusammenspiel der Akteure: Ämter, Gemeinden, Verbände und Einwohner. Alle haben ihre eigene Perspektive. Die Kunst liegt darin, miteinander ins Gespräch zu kommen, gegenseitiges Verständnis zeigen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, mit denen alle zufrieden sind.
Frage: Hast du konkrete Lösungsansätze?
Birgit: Ich wünsche mir kleinere, regelmäßige Treffen – nicht große Konferenzen, sondern überschaubare Runden, möglichst nah am Ort des Geschehens. Am besten so, dass man gemeinsam rausgehen und sich die Situation vor Ort anschauen kann. Im Kleinen passiert oft mehr. Da entsteht Austausch auf Augenhöhe, der Druck ist nicht so hoch.
Neulich waren wir mit dem Wasser- und Bodenverband, dem Verbandsingenieur und unserem NABU-Fachgruppenleiter des Bereichs „Biodiversitäts- und Biotopschutz an kleinen Fließgewässern, Bibermanagement“ direkt am Brebowbach unterwegs. Dort wurde klar, wie wertvoll es ist, die unterschiedlichen Blickwinkel offen zu teilen, um voranzukommen - das war ganz praktisch, ganz konkret.
Gerne arbeite ich auch mit Rewilding Oder Delta zusammen. Das Netzwerk hat jede Menge Erfahrung im Umgang, wie man Prozesse anschiebt und am Laufen hält. Als starker Partner bringen sie mehr Expertise mit und bessere Chancen, etwas gemeinsam zu bewegen.
Frage: Welchen Beitrag kannst du persönlich leisten?
Birgit: Ich kann den Gedanken der Lebenslandschaften weitertragen. Jeder sieht sicherlich eine andere Lebenslandschaft vor sich, denn jeder gewichtet die jeweiligen Faktoren unterschiedlich. Auch wie groß wir Lebenslandschaften abstecken ist unterschiedlich. Dass ist auch ok. Hauptsache bestimmte Themen, kommen nicht ganz unter die Räder. Dafür möchte ich meinen Beitrag leisten.
Begegnungsorte, Rastpunkte, Verweilmöglichkeiten – all das macht eine Region interessant und lebendig. Dort kann man entweder kleine Einkäufe tätigen, einen Imbiss, Kaffee und Kuchen zu sich nehmen oder auch kulturelle Eindrücke sammeln, Wissen vermittelt bekommen, ein Schwätzchen halten…. Solche Orte möchte ich schaffen bzw. bewahren helfen. Aktuell engagiere ich mich für die Sanierung einer denkmalgeschützten Feldstein-Bogen-Brücke über den Brebowbach. Mit der Jugendbauhütte Stralsund/Wismar, der DSD und dem Vorpommernfonds hat die Gemeinde und unsere Initiative Brücke(n)BAUER tolle Partner gefunden.
Frage: Was wünschst du dir für die Region und wie blickst du in die Zukunft?
Birgit: Ich wünsche mir, dass unsere Region weiter an Attraktivität gewinnt. Der Gedanke der Nachhaltigkeit mehr Anwendung findet, Wirtschaft und Natur sich nicht gegenseitig ausschließen. Dass die Menschen hier zufrieden leben, sich gerne einbringen und ein positives Feedback bekommen. Wenn uns allen das gelingt, dann hat diese Region eine gute Zukunft.
Liebe Birgit, danke für das Interview!
Wenn du nach dem Lesen Lust bekommen hast, hier mitzugestalten oder dich mit Birgit zu vernetzen, kontaktiere uns gern.